Rezension Theaterstück

finale_webDie­se Rezen­si­on bezieht sich auf die Vor­stel­lung von „Nathan der Wei­se“ im Ber­li­ner Ensem­ble am 15. Okto­ber 2014. Das Dra­ma „Nathan der Wei­se“ von G.E. Les­sing wur­de im Jah­re 1779 ver­öf­fent­licht und 1783 urauf­ge­führt. Hier­bei han­delt es sich um eine Geschich­te von einem Juden, Nathan, des­sen Adop­tiv­toch­ter Recha, sich in einen Tem­pel­her­ren ver­liebt, wor­aus vie­le Kon­flik­te ent­sprin­gen, die sich zusam­men mit den Reli­gi­ons­dis­pa­ri­tä­ten durch das gan­ze Stück zie­hen. Es besteht aus fünf Auf­zü­gen, die jeweils in Auf­trit­te unter­teilt sind und es hält sich an die Frey­tag­s­che Dra­men­theo­rie wie auch an die drei aris­to­te­li­schen Ein­hei­ten. Das Dra­ma ist bekannt für sei­ne auf­klä­re­ri­schen Idea­le im beson­de­ren Bezug auf reli­giö­se Into­le­ranz.

Im All­ge­mei­nen wür­de ich das Stück für alle emp­feh­len, denen ent­we­der das Buch gefal­len hat oder die an der Auf­klä­rung oder Les­sings Wer­ken inter­es­siert sind. Die­se Adap­ti­on ist eine sehr klas­si­sche sowohl in den Dia­lo­gen als auch im Büh­nen­bild und den Requi­si­ten. Das Büh­nen­bild beschränk­te sich auf eine Andeu­tung von Haus­wän­den oder Mau­ern an den Sei­ten der Büh­ne, die­se bestan­den aus Graf­fi­ti beschmier­ten Wän­den und wenig ver­zier­ten Tür­bö­gen, die sowohl als Haus­tü­ren genutzt wur­den wie auch für ande­re Auf­trit­te und Abgän­ge der Cha­rak­te­re. Bei dem Graf­fi­ti han­del­te es sich um einen David­stern mit dem Wort „JUD“ dar­in und dar­un­ter stand „raus“, also ein sehr klar anti­se­mi­ti­sches State­ment. Es wur­de teil­wei­se in das Stück mit ein­be­zo­gen, was mei­ner Mei­nung nach eine gute Idee ist, um die dama­li­gen Umstän­de zu ver­an­schau­li­chen. Wie schon erwähnt, sind auch die Requi­si­ten eher spo­ra­disch aus­ge­fal­len, was jedoch zu der all­ge­mei­nen Insze­nie­rung durch­aus gepasst hat. So gut wie alle Requi­si­ten waren per­sön­li­che Besitz­tü­mer der Cha­rak­te­re, wie zum Bei­spiel das Fahr­rad des Der­wischs, das Schwert des Tem­pel­her­ren und das Buch Assads; auch das Schach­spiel zwi­schen dem Sul­tan und Sittah wur­de mit­hil­fe von vier Stüh­len ver­an­schau­licht, wel­che spä­ter teil­wei­se zum Sit­zen umfunk­tio­niert wur­den. Die­se Nut­zung der Requi­si­ten ist eher mini­ma­lis­tisch, doch sie erfül­len durch­aus ihren Zweck. Der Zuschau­er merkt kei­ne stö­ren­de Abwe­sen­heit von Gegen­stän­den und die Ver­ständ­lich­keit ist kei­nes­wegs dadurch gehemmt. Ich fin­de die­sen Umgang mit Requi­si­ten sehr logisch, ange­mes­sen und ästhe­tisch anspre­chend. Zu den Dia­lo­gen lässt sich wirk­lich haupt­säch­lich nur sagen, dass die meis­ten ein­fach aus dem Buch kopiert wur­den oder, wenn über­haupt, nur sehr wenig ver­än­dert wur­den. Die Schau­spie­ler haben sie teil­wei­se mit sehr vie­len Emo­tio­nen gela­den wie­der­ge­ge­ben, zum Bei­spiel wur­de der Tem­pel­herr als ein jun­ger, leicht erzürn­ter Mann dar­ge­stellt, was nicht unbe­dingt mei­ner eige­nen Inter­pre­ta­ti­on ent­sprach und doch stel­len­wei­se die Gedan­ken und Zusam­men­hän­ge gut illus­trier­te. Auch wenn die Schau­spie­ler die meis­te Zeit sehr klar gespro­chen haben, war es der Auf­merk­sam­keit der Zuschau­er, ins­be­son­de­re der, die bereits das Buch gele­sen haben, nicht unbe­dingt zuträg­lich. Die Schau­spie­ler waren den Cha­rak­te­ren ange­mes­sen, zum Bei­spiel wur­de Nathan so ziem­lich genau­so dar­ge­stellt, wie ich ihn mir vor­ge­stellt habe. Jedoch konn­te ich bis jetzt kei­ne Erklä­rung fin­den, für die wei­ße Gesichts­be­ma­lung des Sul­tans, Der­wischs und des Patri­ar­chen, ansons­ten ist das Make-up aller ande­ren Cha­rak­te­re sehr natür­lich und unauf­fäl­lig. Die Kon­zen­tra­ti­on des Zuschau­ers ist somit mehr auf das Stück gerich­tet als auf die Cha­rak­ter­de­signs, doch die­je­ni­gen, deren Gesich­ter weiß bemalt sind, stö­ren dem­zu­fol­ge die­se Auf­merk­sam­keit und man fragt sich, wes­halb aus­ge­rech­net sie die­se Schmin­ke tra­gen. Zu guter Letzt müs­sen die Kos­tü­me noch erwähnt wer­den, wel­che in die­sem Fal­le die Per­sön­lich­kei­ten der Cha­rak­te­re wider­spie­geln, wie zum Bei­spiel Nathan, der einen simp­len schwar­zen Anzug trägt, Recha, die ein ver­spiel­tes kur­zes Kleid trägt und der Sul­tan, der ein opu­lent ori­en­ta­li­sches Gewand trägt. Die Klei­dung sym­bo­li­siert somit auch die Reli­gi­on des jewei­li­gen Trä­gers, was für den Zuschau­er eine gewis­se Wie­der­erkenn­bar­keit eta­bliert.

Im Gro­ßen und Gan­zen lässt sich über das Stück sagen, dass es durch­aus eine wohl­ge­lun­ge­ne Adap­ti­on des ori­gi­na­len Dra­mas war, doch fehlt es mir an Indi­vi­dua­li­tät und Varia­ti­on. Mei­ner Mei­nung nach stammt dies von dem man­geln­den Auf­wand, der in die Dia­lo­ge und Prä­sen­ta­ti­on ein­ging. Es ist durch­aus sehens­wert, wenn man klas­si­sche Dar­stel­lun­gen bevor­zugt. Ich sel­ber habe schon meh­re­re Thea­ter­stü­cke gese­hen und genos­sen, man­che davon klas­si­sche Adap­tio­nen und man­che eher moder­ne, dem­zu­fol­ge kann ich für mich sel­ber urtei­len, dass ich die moder­ne­ren Adap­tio­nen bevor­zu­ge, da sie dem Zuschau­er eine neue Per­spek­ti­ve auf das Stück geben.

Ali­ce Julia Ren­ner                                                                         Deutsch E-Kurs 12.1